Dienstag, 20. August 2013

Römische Mähmaschine

 

 "Vallus" oder "Vehiculum per Messes"
Die römische Mähmaschine von Arlon

 
Modelle einer römischen Mähmaschine
 
Die  römische Agrarliteratur und entsprechende Ausgrabungen vermitteln uns heute einen komplexen Einblick in den Aufbau römischer Hofanlagen und landwirtschaftlicher Arbeitsgänge. Man wird ebenfalls informiert über die Fertigung und Gestalt der Gerätschaften und Werkzeuge. Das betrifft auch die Kolonien nördlich der Alpen. Nach der Eroberung Galliens durch Caesar  entstanden etwa um 90 n. Chr. Niedergermanien (von Koblenz über den Niederrhein bis zur Nordsee) und "Germania Superior", also Obergermanien (Teile der heutigen Bundesländer  Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz). Bis zum Anrücken der Alamannen ab der Mitte des 3. Jahrhunderts entfalteten die Römer in Südwestdeutschland und eine blühende Kultur. Archäologen haben römische Gutshöfe (villae rusticae) entdeckt und freigelegt. Ihre Schätze füllen heute größere und kleinere Museen.

 
 

Die römische Agrarliteratur
Tierhaltung und Erntevorgänge sind bei folgenden Autoren nachzulesen:

M. Porcius Cato, De agricultura (ca. 150 v. Chr.)
M. Terentius Varro, Rerum rusticarum libri III  (ca. 40. v. Chr.)
P. Vergilius Maro, Georgica  (27-29 v. Chr.)
Lucius Iunius Moderatus Columella, De re rustica libri XII (ca. 25 n.Chr.)
C. Plinius Secundus, Naturalis Historia: Liber XVIII (77 n. Chr.)
Rutilius Aemilianus Palladius, Opus agriculturae  (ca. 350 n. Chr.)

 

Das Abernten von Getreidefeldern, genauer, das Mähen von Gerste wird von fast allen Autoren gleich beschrieben: Die Feldarbeiter benutzten Sicheln, die sie entweder unten am Boden oder weiter oben unterhalb der Ähren ansetzen.
 
Nur Plinius und Palladius berichten überraschenderweise von Mähmaschinen, vom "Vallus" bei Plinius, was man mit "Zahn eines Kamms" oder schlicht mit "Pfahl" übersetzen kann und vom "vehiculum per messes" bei Palladius, was so viel heißt wie "Erntemaschine". Der Autor wählt ebenfalls den Ausdruck "carpentum denticulis", was ziemlich genau mit "Mähmaschine" zu übersetzen ist.
 
 
Die Texte (lateinisch./deutsch)
Plinius, Gaius Plinius Secundus
 
Historia naturalis, Buch 18, Kap.72, Abschnitt. 296
 
Messis ipsius ratio varia. Galliarum latifundis valli praegrandes, dentibus in margine insertis, duabus rotis per segetem inpelluntur, iumento in contrarium iuncto; ita dereptae in vallum cadunt spicae.
 
Die Ernte selbst wird unterschiedlich ausgeführt. Auf den großen Landgütern in Gallien werden mächtige Blöcke, zusammengesetzt aus Pfählen, die in Zähnen enden, auf zwei Rädern durch Zugvieh, das hinten eingespannt ist, über das Getreidefeld gezogen. Die auf diese Weise abgerissenen Ähren fallen auf den Block.
 
Palladius, Rutilius Taurus Aemiliaus,
 
Opus agriculturae, Libri XIV, Liber VII/II. De messibus
 
Pars Galliarum planior hoc conpendio utitur ad metendum et praeter hominum labores unius bouis opera spatium totius messis absumit. Fit itaque uehiculum, quod duabus rotis breuibus fertur. Huius quadrata superficies tabulis munitur, quae forinsecus reclines in summo reddant spatia largiora. Ab eius fronte carpenti breuior est altitudo tabularum. Ibi denticuli plurimi ac rari ad spicarum mensuram constituuntur in ordine, ad superiorem partem recurui. A tergo uero eiusdem uehiculi duo breuissimi temones figurantur uelut amites basternarum. Ibi bos capite in uehiculum uerso iugo aptatur et uinculis, mansuetus sane, qui non modum conpulsoris excedat. Hic ubi uehiculum per messes coepit inpellere, omnis spica in carpentum denticulis conprehensa cumulatur abruptis ac relictis paleis altitudinem uel humilitatem plerumque bubulco moderante, qui sequitur. Et ita per paucos itus ac reditus breui horarum spatio tota messis inpletur. Hoc campestribus locis uel aequalibus utile est et his, quibus necessaria palea non habetur.
 
 Aus Gründen der Zeitersparnis verrichtet für die Erntearbeit in den Ebenen Galliens - abgesehen von Feldarbeitern - ein einziger Ochse die Arbeit, das gesamte Weizenfeld zu mähen. Das ermöglicht ein zweirädriges Gefährt. Dessen quadratische sich aus Planken gefertigte Oberfläche lässt sich auf die Höhe des üppig bestellten Feldes auf- oder abneigen. An die vorderen Planken sind zahlreiche etwas auseinanderstehende Zähne angebracht, um am oberen Teil die Ähren zu erfassen. Am hinteren Teil findet man zwei kurze Deichseln, wie man sie beispielsweise vom Volk der Basterner (ostgerm. Volk am Schwarzen Meer) her kennt. Dort wird dem Ochsen das Geschirr von sanfter Hand angelegt, damit er den Wagen, ohne zu entweichen, nach vorne schiebt. Wo dann die Erntemaschine (vehiculum per messes) ihre Arbeit beginnt, ergreifen die Zahn-Planken die Ähren, rupfen sie ab und häufen sie auf der Ladefläche an, die Spreu zurücklassend. Gewöhnlich folgt ein Ochsentreiber dem Gefährt. Nach wenigen Durchgängen und nicht allzu vielen Stunden ist das Korn gemäht. Diese Mähmaschinen eignen sich für die Ebene oder ähnlichen Gegenden, in denen man auf die Spreu verzichten kann.
 
 
Der Einsatz des Vallus
Sowohl Plinius als auch Palladius heben hervor, dass diese Mähmaschinen vorzugsweise in den Ebenen Galliens eingesetzt wurden. Doch kann man davon ausgehen, dass der Vallus auch in Rom Verwendung gefunden hat. Dort hat man ihn auch entwickelt und konstruiert. Über die Gründe, warum die Mähmaschine nicht auch in Rom populär geworden ist, kann man nur spekulieren. Möglicherweise war das Gelände ungünstig: Der effektive Einsatz eines Vallus ist nur in der Ebene möglich, und die sind in Rom eher selten im Vergleich zu Gallien und Germania Superior. Hier sind es weitläufige Regionen und Ebenen, die für die Ernte mit einem Vallus geeignet ist.

 

 
 
Das Relief von Arlon
Verton - Musée Gaumais
Es ist bisher nur ein Dokument bekannt, das uns die Gestalt eines Vallus zeigt, und zwar das Fragment eines Flachreliefs, das Archäologen 1958 im südbelgischen Arlon, dem ehemaligen Land der Treverer ausgegraben haben. Arel/Arlon liegt nordwestlich von Luxemburg. Heute ist es im Musée Gaumais in Virton (Montaubon-sous Buzenol) ausgestellt. Offensichtlich handelt es sich um das Relief einer Grabsäule, die im Mittelalter  als Schmuckelement in eine Stadtmauer eingearbeitet wurde. Vermutlich ist es in das 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr.  zu datieren. 
 
Man kann einen Landarbeiter erkennen, der die gerupften Ähren nach hinten schiebt. Ob sie dort verbleiben, was eher unwahrscheinlich ist, oder in einen Auffangkasten fallen, ist weder erkennbar, noch angedeutet. Ganz im Gegenteil: Unmittelbar hinter dem Zahn sind die Räder, die Achse und eine Deichsel, sowie der Ochse (oder ein Maultier) angedeutet. Bei der halbrunden Form unterhalb des Ochsenkopfes dürfte es sich wohl um einen Teil des Geschirrs handeln .
 
 
Landesmuseum Trier
 
 
Im Landesmuseum Trier ist eine Rekonstruktion des Reliefs zu sehen. Hier ist ein Ährenbehälter dargestellt. Die Deichseln sind allerdings viel zu lang und entsprechen nicht der Beschreibung des Palladius. Man müsste sich die genannten "brevissimi temones" (die Kurzdeichseln) wie die Trageholme einer Sänfte vorstellen.
Der Ährenkasten fiel wohl größer aus, schließlich galt es, die Korn-Ernte eines ganzen Tages einzubringen. Dem Relief kann man ebenfalls entnehmen, dass es hauptsächlich um die Ähren ging, die gesammelt werden sollten. Das Stroh blieb auf dem Feld zurück. Ob später Arbeiter kamen, um es zu schneiden und zu bündeln, ist ungewiss. Palladius spricht von einem Ochsen, der hinter dem Wagen eingespannt ist, um ihn voranzuschieben. Neben dem Ochsen wird wohl ein Lenker seine Arbeit verrichten, der je nach Bedarf den Schneideblock hebt oder senkt.
 



 
Pforzheimer Heimatmuseum
 
Im Pforzheimer Heimatmuseum ist ein verhältnismäßig gut erhaltenes römisches Widerristjoch ausgestellt, das zum Geschirr eines Ochsengespanns gehörte.
Unter einem Widerrist versteht man den erhöhten Übergang vom Nacken zum Rücken. Dort wird das Joch angelegt und Lederbänder um Kopf und Hals befestigt. In den seitlichen Zapfen befinden sich Ösen, durch die Seile oder ebenfalls Lederriemen zur Deichsel gezogen werden.



Modell: Ochsengeschirr mit Widerristjoch
 
 


 
Modell mit Ochse und Begleiter


 
Die Konstruktion des Vallus
Vorstellbar ist, dass die zweirädrige Mähmaschine aus einem vorderen Schneide-Rupf-Block und einem hinteren Kasten besteht, in dem die Ähren gesammelt werden. Es schließen sich die beiden Kurzdeichseln an, in die der Ochse eingespannt wird. Das gesamte Gefährt wird an die drei Meter lang gewesen sein.
Bekannt ist, dass die Römer über fortschrittliche Technologien verfügten, unter anderem auch über Kurbelwellen, die mittels eines Wasserrades mehrere Maschinen zum Laufen brachten. Denkbar wäre also, dass sie den Vallus mit einem Schneide- oder Rupfmechanismus ausgestattet haben. Die Zähne wurde also über eine Kurbelwelle, die zugleich die Radachse darstellt, hin- und hergeschoben. Doch sehr wahrscheinlich ist das nicht. Palladius hätte einen solchen Mechanismus mit Sicherheit erwähnt, da er doch bis in das kleinste Detail die Mähmaschine beschrieben hat.
 

 
Modell von oben/hinten


Modell von  hinten mit geöffneter Klappe
 
Texte und 3D-Modelle
© Dr. Ehrenfried Kluckert
 
 
 

 

 
 


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